Eines der zentralen Kapitel in Hobbes “Leviathan” ist “Über Grund, Entstehung und Definition des Staates” gleich zu Beginn des zweiten Teils “Vom Staat”. Er versucht hier u.A. Bedingungen der Möglichkeit einer Beendung des Kriegs aller gegen alle (KAGA) anzuführen und die einzig mögliche Art und Weise einer Gründung des Staates darzustellen. Der Übergang vom KAGA zur bürgerlichen Gesellschaft kann als Dreh- und Angelpunkt der Hobbes’schen Konzeption betrachtet werden und verdient deshalb eine genauere Untersuchung. Im folgenden soll dargestellt werden, dass dieser von Hobbes alles andere als hinreichend motiviert wird.
Zunächst werden den Menschen im Sinne von Hobbes Anthropologie folgende positive Motive (PM) unterstellt:
- Wunsch nach Muße (darin enthalten der Wunsch nach Wissenschaft und Künste) (vgl. Kapitel 11)
- Wunsch nach sinnlichen Vergnügen (vgl. Kapitel 11)
- Furcht vor Tod und Mißhandlung und der entsprechende Wunsch nach Selbsterhaltung (vgl. Kapitel 11, 17)
- Hoffnung, dass diese Anstrengung wirklich zu schaffen ist (Kapitel 17)
- die aus der Vernunft gewonnen natürlichen Gesetze
Oft wird Hobbes im Sinne des berühmten “homo homini lupus est” (aus der Widmung von “De Cive”) zu Unrecht eine rein negative Anthropologie unterstellt und dabei sein “homo homini deus” und Indizes dazu in anderen Schriften überlesen. Etwa ist der Mensch mit Hobbes im Allgemeinen nicht auf Machtmaximierung ausgerichtet in dem Sinne, dass Macht als Endzweck dient (ala Nietzsches Willen zur Macht) (vgl. hierzu S. 91 oben), sondern die Bemühungen um Machterweiterung sind dahingehend motiviert, als sie “ihre gegenwärtige Macht und die Mittel, glücklich zu leben, zu verlieren fürchten”. Der Zweck menschlichen Handelns ist also vielmehr in der Glückseligkeit, die ungleich einer Pyrrhonisch-Epikurenischen Seelenruhe vielmehr in einem fortdauernden Fortschritt von einem Wunsch zum anderen liegt, der auch für die Zukunft sichergestellt sein will, und elementarer in der Selbsterhaltung/-verteidigung. Hobbes Menschenbild ist auch realistisch genug, die Existenz von Machtbessesenen, “die sich entweder aus Machtgefühl oder aus Ruhmsucht die ganze Erde untertan machen möchten” (S. 114) nicht auszuschließen.
Ein ungleich negativeres Menschenbild gibt Hobbes mit seinen Argumenten, warum der Mensch kein “staatskluges Tier” (vgl. Aristoteles) ist. Seine Leidenschaften führen ihn unter anderem zu
- einem beständigen Wettstreit um Ehre und Würde
- damit zu Neid, Hass und Krieg
Diese negativen Leidenschaften führen dazu, dass Hobbes behauptet:
[1] Dieser Zustand [der KAGA] ist aber notwendig wegen der menschlichen Leidenschaften mit der natürlichen Freiheit so lange verbunden, als keine Gewalt da ist, welche die Leidenschaften durch Furcht vor Strafe gehörig einschränken kann und auf die Haltung der natürlichen Gesetze und der Verträge dringt.
Ein anderer Gedanke, der die Überwindung des KAGA problematisch erscheinen läßt ergibt sich aus Hobbes’ (problematischen) Anwendung seines Naturrechts,
die Freiheit, nach welcher ein jeder zur Erhaltung seiner selbst seine Kräfte beliebig gebrauchen und folglich alles was dazu beizutragen scheint, tun kann
auf den KAGA. Denn hier wird daraus ein einfaches “jeder hat ein Recht auf alles” (RAA). Dies liegt im obigen Gedanken begründet, dass eine Machterweiterung in der Unsicherheit des KAGA als vorsorgende Selbsterhaltung gelten kann – in diesem Falle “scheint” eben mit obigem Wortlaut alles der Selbsterhaltung zu dienen. Solange nun das RAA gilt, kann sich keiner, auch nicht der Stärkste sicher fühlen.
Um die Überwindung des KAGA angemessen zu problematisieren bietet es sich an dieser Stelle an, die mit Hobbes einzig mögliche Weise der Gründung eines Staates darzustellen. Hierzu ist es erforderlich, dass ein jeder freiwillig seine Macht oder Kraft auf einen oder mehrere Menschen überträgt, so dass der Wille aller auf diesen einzigen Punkt vereinigt ist und dieser zum Stellvertreter eines jeden wird. Dies kommt mit Hobbes einem Vertrag eines jeden mit einem jeden gleich (VAA), der folgendermaßen lautet
Ich übergebe mein Recht, mich selbst zu beherrschen diesem Menschen oder dieser Gesellschaft unter der Bedingung, dass du ebenfalls dein Recht über dich ihm oder ihr abtrittst.
Die Frage ist nun, ob es mit Hobbes’ Argumentation möglich, realistisch oder ausgeschlossen ist, dass sich ein VAA einstellt.
Die Formulierung [1] scheint nun gerade auszuschließen, dass mit den nat. Leidenschaften jemals ein Weg aus dem KAGA führt. Die Gewalt sollte mit [1] schon vorhanden sein, um die natürlichen Leidenschaften entsprechend einzuschränken, und nicht lediglich in Aussicht stehen. Die zentrale Frage ist, ob es der Zustand der “großen Furcht” im KAGA erlaubt, einen VAA zu schließen. Dieser muss sozusagen auf dem Boden des KAGA geschlossen werden. Wir wollen uns deshalb noch genauer ansehen, was Hobbes bzgl. Verträge schreibt. In Kapitel 15 heißt es, dass
[2] gegenseitige Abkommen, so lange der eine Teil besorgt sein muss, dass der andere ihn hintergehe [...] unwirksam sind [...]. Und solange das Recht aller auf alles dauert, kann diese Furcht keinem genommen werden.
Auch bzgl. des VAA besteht die Furcht, von anderen hintergangen zu werden. Diesem scheint zunächst die konditionale Formulierung des VAA Abhilfe zu schaffen. Nur, wie wird garantiert, dass sich die anderen an ihre Erklärung halten, und nicht etwa ein Komplott dahintersteckt, eine List der anderen um einen unliebsamen Konkurrenten dadurch leichter aus dem Weg zu räumen, dass dieser durch seine Erklärung gutgläubig seine Macht über sich selbst aus der Hand gibt und sich dadurch schwächt? In diesem Sinne fragt sich auch, ob er nicht dem Zusatz vom zweiten natürlichen Gesetz zuwider handelt, indem er sich “anderen zum Raub darbietet”. An anderer Stelle heißt es, dass
[3] Wo keine zwingende Gewalt ist, würde der, welcher sein Versprechen zuerst erfüllt, seinen Feinden Gewalt über sich selbst einräumen und das Naturrecht, sich und das Seinige zu verteidigen, übertreten.
Man könnte nun einwenden, dass mit der Formulierung des VAA lediglich eine Bereitschaftserklärung gegeben wird, die gerade dann konkret umgesetzt wird (im Sinne der Etablierung der bürgerlichen Gesellschaft), wenn das Konditional erfüllt wird, d.h. wenn jeder die entsprechende Erklärung abgegeben hat. Erst dadurch gibt jeder seine Macht über sich selbst an den entsprechenden Stellvertreter des Staates ab. Doch wie soll man sich das vorstellen? Es ergeben sich zwei Möglichkeiten: simultan oder sukzessive. Das sukzessive Vorgehen besteht darin, dass einer nach dem anderen seine Macht der (noch nicht aktualen) obersten Gewalt übertritt. Doch dies Vorgehen widerspricht gerade [3] – warum sollte in anderen Worten jemand der Bereitschafterklärung der anderen trauen. Auf der anderen Seite ist es fraglich, inwiefern eine völlige Simultanität realisierbar wäre. So sehr die Furcht für die Beendigung des KAGA spricht, so sehr spricht sie doch auch immer dagegen.
Obiges Zitat [2] scheint anderen Formulierungen wie der folgenden zu widersprechen
Wäre auch ein Abkommen durch Furcht erpreßt worden, so ist es dennoch im Naturzustande gültig; wenn ich mich z.B. zur Erhaltung meines Lebens verpflichte, dem Feinde eine Summe Geldes zu geben, so muss ich die Zahlung leisten. (S. 126 – Hervorhebung CS)
Wie ist aber die normative Qualität des obigen “muss” zu bewerten, wenn doch im KAGA gerade das RAA herrscht, was die Überschreitung eines Abkommen mit einschließt?
Die Leidenschaften der Menschen sind ebensowenig wie die daraus entstehenden Handlungen Sünde, solange keine Macht da ist, welche sie hindert (S. 116)
Man kann nun auch fragen, wie es überhaupt möglich ist, dass alle Menschen zur selben Zeit die Absicht haben den VAA zu schließen. Gerade mit [1] scheint dies unrealistisch. Dazu ist es hilfreich sich Hobbes’ Theorie des Willens/Entscheidens näher anzusehen. Der Wille ist dabei das, was sich nach einer Überlegung, d.i. einer determinierten Wechselfolge von gegenseitig entgegengesetzten Leidenschaften (Abneigung vs. Neigung, die wiederum in Hobbes Physikalismus innere Bewegungen darstellen) unmittelbar folgt. Der Wille ist demnach weder eine aktive und freie Leistung eines Denkobjekts noch ein Vermögen oder eine vernünftige Neigung. Mit [1] erscheint es doch recht unrealistisch, dass bei allen Menschen die PM die negativen Neigungen (Zorn, Hass, Neid, etc.), die für [1] verantwortlich zu machen sind, zum selben Zeitpunkt überwiegen (im Sinne einer Willens-Bildung nach obigen deterministischen Modell).
Dass im Sinne Hobbes’ reduktionistisch-physikalistisches Weltbilds der “matters in motion”, nach dem sich beim Menschen “nur Empfindung, Vorstellung und Gedankenfolge” finden, das Ziel (aber Bewegungen sind doch blind?!) “Frieden” als Neigung über andere Leidenschaften derart dominant ist, dass es sich bei allen zugleich als Resultat einer Gedankenfolge einstellt ist nicht hinreichend motiviert und mit [1] sogar eher fraglich.
Zuletzt stellt sich schließlich auch aus einem anderen Grund die Frage, ob das Verlangen nach Frieden und Schutz die Installation eines Staates als Mittel zur Erreichung derselben hinreichend motiviert. Die “große Furcht” im KAGA ist gerade auch dadurch gegeben, dass sich jeder jederzeit um sein Leben sorgen muss, weil dieses dem Machtstreben anderer im Weg sein könnte. Das Gesetz ist im KAGA ohne eine höchste Gewalt, die für die Einhaltung desselben auch im Sinne der Androhung und Durchführung von Strafen, bloßes Wort. Die Worte “Gerechtigkeit” und “Ungerechtigkeit” sind im Zustand des KAGA in dem das RAA herrscht noch nicht anwendbar. Ein Problem stellt sich nun gerade dadurch ein, dass auf den Oberherrn selbst das bürgerliche Gesetz keine Anwendung findet. Er hat zwar durch den Zweck Frieden und Schutz zu etablieren das Gesetz der Natur zur Pflicht. Zur Rechenschaft ist er jedoch nur Gott gegenüber verpflichtet. Durch seine Stellvertreter-Eigenschaft werden zudem die Bürger zu den Urhebern all seiner Taten, d.h. was er tut und läßt muss jeder einzelne als seine eigene Handlung betrachten. In diesem Sinne ist es dem Oberherrn erst gar nicht möglich unrechte Entscheidungen zu treffen. Wenn sich auch aus den natürlichen Gesetzen allerlei Pflichten des Oberherrn ableiten lassen (wie Gleichbehandlung der Bürger bzgl. Strafen, Abgaben, das Sorgen für gute Gesetze, die nicht das Ziel der Freiheitseinschränkung verfolgen, etc.) so garantiert doch nichts, dass sich der Oberherr auch an diesen orientiert. So etwa betont Hobbes im Zusammenhang mit der Todesstrafe und der Vertreibung:
Es ist möglich und geschieht nicht selten, dass auf Befehl des Oberherrn auch Unschuldige, ohne dass ihnen dadurch Unrecht geschieht, hingerichtet werden. [...]
So vertrieben sie [die antiken Athener] auch einen gewissen Hyperbolus, einen Spassmacher und Menschen aus dem niedrigsten Stand, den gewiß niemand fürchtete, bloß weil sie es wollten; vielleicht aus Scherz, nicht aber zu Unrecht, da sie es im Namen des Staates taten. [S. 190/191 Hervorhebung CS]
Beispiele ähnlich der obigen, gerade auch im Zusammenhang mit Machdemonstration, die Hobbes auch im Zusammenhang mit den Pflichten des Oberherrn erwähnt, gibt es ja zu Genüge quer durch die Geschichte der Menschheit. Angesprochen auf die Willkür und Leidenschaften des Oberherrn relativiert Hobbes nach dem er zugesteht, dass “Unangenehmes niemals zu vermeiden ist” (S. 166), dass dies doch das vergleichbar kleinere Übel ist, verglichen mit dem des KAGA. Demnach ist nun aber der Unterschied bzgl. der Furcht, die der einzelne um sein Leben, sein Hab und Gut, etc. haben muss, zwischen der bürgerlichen Gesellschaft ala Hobbes und dem KAGA lediglich quantitativer Art, nicht aber qualitativer. Was jedoch bewegt jemanden, der es im KAGA zu einer ordentlichen Machtanhäufung gebracht hat, die Bedrohung durch die Willkür eines Monarchen (auch wenn ich meist vom Oberherrn spreche, so gelten analoge Argumente für die Alternativen einer Hobbes’schen Aristokratie oder Demokratie) als geringer einzuschätzen als diejenige, die durch den Machthunger anderer Personen im KAGA gegeben ist. Dies gilt insbesondere wenn man Hobbes’ Begriff der “edlen Eifersucht” berücksichtigt, durch die er verpflichtet ist, Verehrungen anderer Bürger zu verhindern/vermindern (evtl. auch wieder im Zusammenhang mit der Machtdemonstration). Wenn auch die Verhältnisse der Bürger untereinander durch das bürgerliche Gesetz und die entsprechende judikative und exekutive Gewalt des Oberherrn geregelt werden, so ist doch das Verhältnis des Oberherrn zu seinen Bürgern in ähnlicher Weise unkontrolliert/unkontrollierbar wie die Verhältnisse im KAGA. Hierfür ist es auch wenig beruhigend, dass dem Oberherrn am Wohlstand und Wohlergehen seiner Bürger gelegen sein muss, denn ein listiger Monarch weiß zu balanzieren und die Minderheitenunterdrückung lauert mit Hobbes schon um die Ecke.
(Zitate sind bzgl. der Reclam Ausgabe des Leviathan, Erster und zweiter
Teil, 1970)

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